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/ Nachbilder / Reiner Nachtwey

Jenseits der aktuellen Trends zum Fotobuch erstellt Reiner Nachtwey seit über zehn Jahren Künstlerbücher mit und über fotografische Bilder. Pro Jahr entsteht eine Bilderzählung im Medium Buch, die auf alltäglichen, journalistischen Fotografien aus der Tagespresse basiert. Dabei legt sich Reiner Nachtwey auf das Bildangebot eines Tages aus 2-3 Zeitungen (TAZ, Aachener Nachrichten) fest, ohne dass dieses Datum eine besondere Bedeutung hat. Die Fotografien werden eingescannt, zerpflückt und eine neue Geschichte kann beginnen. Nachtwey geht in der Zusammenstellung der Bilder assoziativ und zugleich wie ein Archäologe vor „in der Hoffnung, etwas Neues in den alltäglichen Bildern der Presse zu finden”, wie er schreibt.

Die Künstlerbücher sind ein Weg, auf die Bilder in den Medien zu reagieren — Fotosequenzen, Fotofilme und Videoanimationen jeweils ein anderer. Auffallendist, dass Motive stets mehrfach auftauchen und auf diese Weise eine ganz eigentümliche Bilderströmung entsteht. Alles fließt und verbindet sich — wo ist hier ein Anfang oder ein Ende? Das Layout mit Bildrechtecken kann als Anlehnung an das Zeitungslayout empfunden werden, stellt aber in dieser Bilderdichte kein zu strenges Korsett dar.

Erstaunlich, welch Bilderschatz an einem einzelnen Tag in Tageszeitungen zu finden ist. Nachtwey schenkt diesen Bildern eine neue Aufmerksamkeit und einen neuen Auftritt. Personen der Zeitgeschichte klammert er weitestgehend aus; nur wer genau schaut, wird beispielsweise Angela Merkels Auge entdecken. Die Grafik der Wettervorhersage verspricht viel Sonnenschein; die Balletttänzerinnen sind in Bewegung. Und immer wieder Hände, Gesten ins Ungewisse. Die altmodischen Tageszeitungen bieten tatsächlich noch eine überschaubare Bildermenge, aber was ist mit dem Internet? Auch hierzu hat Reiner Nachtwey gearbeitet und setzt den Bilderfluten eine eigene Ästhetik und Auswahl entgegen, die dazu einlädt, genau hinzuschauen und neue Geschichten zu entdecken.

Reiner Nachtwey, geb. 1950, ist seit 1989 Professor für Gestaltungslehre am Fachbereich Design der FH Düsseldorf. Schwerpunkt: Bild und Kommunikation / Bild und zeitbasierte Medien. Er lebt in Aachen.

Anna Gripp

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