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Katalog zur Ausstellung

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vgl. zurAusstellung auch der umfangreiche Beitrag in:
APEX Ein Kunstmagazin, Nr. 9/1990, Köln, Hrsg.: Wolfgang Schulz

Die jüngsten Arbeiten von Reiner Nachtwey geben Rätsel auf, wenn der Betrachter nach fotografisch festge­haltenen Situationen fragt und somit sein Augenmerk auf die gegenständ­lich wiedererkennbaren Motive richtet. Dieser Annäherungsversuch, mit dem man normalerweise fotografischen Bil­dern begegnet, wird grundlegend irri­tiert. 

Menschliche Figuren, Hasen und Flugobjekte tauchen als kaum greif­bare Silhouetten in unterschiedlichen Bildräumen auf. Sie erscheinen als fragmentierte Licht- oder Schattenge­stalten und wirken hierdurch wie au­genblicklich präsent, andererseits wie verloren und auf merkwürdige Weise isoliert. Als Einzelmotive bewegen sie sich in den Randzonen des Bildfeldes, undefinierbaren Leerräumen ausge­setzt, als Gruppen treffen sie ohne erkennbaren Zusammenhang aufein­ander, der sie zu einer sinnvollen Si­tuationseinheit verbinden könnte. Der Betrachter findet keine räumlichen Koordinaten, die einen gemeinsamen Bewegungsraum aufzeichnen. 

Viele Figuren scheinen zu schwe­ben, einige fallen kopfüber ins Bild­feld hinein, wieder andere werden vom unteren Bildrand beschnitten, so daß der Eindruck entsteht, als stürzten sie haltlos ins Ungewisse. Perspektivisch verkürzte Ansichten und verschiedene Bewegungs­gesten erschließen rational nicht meßbare Tiefenräume, in die schein­bar ziellose Bewegungsrichtungen führen. 

Die suggestive Ausdrucksqualität der gezeigten Bilder wird verstärkt durch eine produktive Vermittlung zwi­schen diesen abbildlichen Werten und nichtgegenständlichen Bildstrukturen, die den geschilderten Eindruck von nicht kontrollierbarer Räumlichkeit und zielloser Bewegung dramatisieren. 

Die gegenständlichen Motive wer­den aufgelöst oder überlagert von Schraffuren, umgeben von Lichtbah­nen oder einzelnen Lichtpunkten, über die der Blick des Betrachters mal sprunghaft, mal fließend hinwegfährt und so in ständiger Bewegung bleibt. 

Die fotografisch bedingte Auflösung der Farbflächen erzeugt eine feinkör­nig verschwommene Mikrostruktur, die dem Auge keine Fixpunkte liefert, so daß es immer wieder zwischen den unterschiedlichen Raumwerten der einzelnen Farbpigmente hin- und hergleitet. Farbbahnen und Heildun­kelzonen, die ohne scharfe Konturen ineinanderfließen, lösen den Eindruck sich ständig überlagernder Raum­schichten aus. 

Der Betrachter gerät zusehends in eine Stimmung stark emotionaler Qualität. Die Bilder nehmen den Cha­rakter von Visionen an, die keine Gewißheiten bergen. Diese Erfahrung wird nicht durch eine Bedrohlichkeit der Motive selbst, sondern durch die bedrohliche Art und Weise ihrer bild­lichen Inszenierung ausgelöst, welche ein anschauliches Erleben provoziert, das den Betrachter unmittelbar gefan­gen nimmt. 

Eine klare Deutung der Bildgegen­stände wird in diesem Kontext unwich­tig. Sie werden mit den erlebten Stim­mungswerten besetzt und erhalten hierdurch ihre Aussagekraft. Die menschlichen Figuren verkörpern schwebende Bewußtseinszustände, die Flugzeuge eine utopische Inbesitz­nahme unzugänglicher Zeiträume, die Hasen berühren Zwischenbereiche des Menschlichen, in denen man Grundzüge eigener Existenz wiederer­kennt. 

Die Wirkungsqualität seiner Bilder erreicht Reiner Nachtwey insbesonde­re dadurch, daß er nicht mehr im her­kömmlichen Sinne fotografiert, son­dern im erweiterten Sinne mit fotografi­schen Mitteln arbeitet. Das fotografisch erzeugte Bild, das Aspekte der sichtbaren Außenwelt fixiert, ist nur noch derAusgangspunkt langandauernder Veränderungsprozesse, in denen er die Grenzen des Mediums vielfach übe rsch reitet. 

Verschiedene Bilder, Duplikate von gedruckten Fotos, werden hinterein­ander montiert und wieder abfotogra­fiert. Die Farbtemperatur der benutzten Lichtquelle verändert die Farbtonalität der Ausgangsbilder, ihre Größe er­zeugt unterschiedlich verteilte Licht­- und Dunkelzonen. 

Durch fotografische Umkehrprozes­se vermischen sich Positiv- und Nega­tiveffekte. Einzelne Zwischenbilder werden malerisch verändert, wobei schwarz markierte Flächen und Kontu­ren in der nächsten Negativkopie als leuchtende Silhouetten erscheinen. Die scharf umrissenen Lichtbahnen und Lichtpunkte entstehen aus Verlet­zungen der Filmschicht. 

Das fertige Bild enthält all diese Gestaltungsschritte in verdichteter Form und besitzt gerade hierdurch die anfangs beschriebene Aus­druckskraft, die den Betrachter in Empfindungsräume führt, die auch der Künstler in den verschiedenen Phasen seiner eher intuitiv gesteuerten als bewußt geplanten Arbeit durchläuft.

Allgemein beruht der Reiz fotogra­fischer Technik darin, daß sie es er­möglicht, scheinbar objektive Bilder unserer sichtbaren Außenwelt einzu­fangen oder minimale Zeitpunkte von Bewegung, die wir bewußt nie wahrnehmen können, dauerhaft zu fixieren. 

Im Gegensatz hierzu eröffnen die Fotografien von Reiner Nachtwey vi­sionäre Innenwelten. Sie berühren Bewußtseinszustände, in denen wir entgrenzte Zeiträume empfinden, da verschiedene Bilder auftauchen und wieder verschwinden, ohne daß wir sie zeitlich ordnen oder inhaltlich klären können.

(Katalogtext)
Dagmar Schmidt, Bochum

Farbfotografie O.T. Nr. 31/32; Format: 75×50; Aachen 1989

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Farbfotografie O.T. Nr. 33/37; Format: 75×50; Aachen 1989

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Farbfotografie O.T. Nr. 36/48; Format: 150×100; Aachen 1989

Farbfotografie O.T. Nr. N2; Format: 75×50; Aachen 1986

Farbfotografie O.T. Nr. 44/92; Format: 75×50; Aachen 1989

Farbfotografie O.T. Nr. 37/54; Format: 150×100; Aachen 1989