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…….. Manchmal, wenn ich losziehe mit dem Fotoapparat ins Jugendzentrum oder ins Rockkonzert habe ich Angst, die Jugendlichen, die mir begegnen, zu fotografieren. Mit dem Weitwinkelobjektiv muß ich nahe rangehen, bis auf einen Meter, z.T. noch näher. Das grelle Blitzlicht läßt kein heimliches Fotografieren zu. Dann: erstaunte und überraschte Blicke. Ich werde gefragt: “Warum mich und nicht die Typen da oben auf der Bühne?“, “Von der Presse?“; „Verfassungsschutz?“, “Was soll der Quatsch?“, “Kann man die kaufen?“ Die meisten Fragen muß ich verneinen. Nicht von der Presse, nicht vom Verfassungsschutz und Geschäfte will ich mit den Fotos auch nicht machen. Also, was soll’s? Ich antworte: “Ich mach’ halt Bilder wie andere Musik.” Ich versuche Sätze zu wechseln, Blicke auszutauschen, Rempeleien standzuhalten – zu erwidern, im Gedränge vor der Bühne mitzumischen, das Blitzgerät zu schützen, zu fotografieren, nebenbei eine Zigarette zu schnorren, den Film zu wechseln und – last but not least – Musik zu hören.

Meist, wenn ich mitten drin stecke im Getümmel, ist die Angst, von der ich schrieb, verflogen. Es gibt viel zu sehen, zu tun und zu hören. Durch die Kamera schau’ ich recht selten. Ihren Ausschnitt kenne ich – 28 mm Weitwinkel — und der Blickwinkel ist eh der meinige. Noch nie hab’ ich Ärger mit den Jugendlichen bekommen. Manchmal ‘nen Bierdeckel mit ‘ner Adresse darauf und der Aufforderung, mal ein Foto rüberkommen zu lassen. In solchen Momenten ist mir meine anfängliche Angst sehr fremd. 

Natürlich, klar: Jugendliche als Projektionsfläche unerfüllter Jugendträume; der Fotoapparat als Gesprächsanlaß wie der Pudel und der Dackel für die Leute im Park; Jugendkultur und Kunst als Legitimation, um mal wieder untertauchen zu dürfen. Alles richtig. Aber es erklärt nicht die Lust, diese schwarzen Bilder zu machen und zu betrachten, aus bunt schwarz/weiß zu machen. Diese Lust speist sich vielmehr aus der Tatsache, daß die Bilder, die ich sehe, auf innere Bilder treffen, auf Bilder, die zunächst undeutlich sind, deren Inhalt sich im Schwarz der Fotografien verbirgt und der sich trotzdem deutlich artikuliert. In diesem Spannungsfeld zu forschen, im Außen das Innen zu entdecken und umgekehrt ist eine Lust. Dies kennzeichnet die andere, ‚nichtszenische’ Seite meiner fotografischen Arbeit. (Reiner Nachtwey, Auszug aus dem Katalog)

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Der Arbeitszyklus “Innen im Außen” entstand in den Jahren 1978 – 1984/85. Er besteht aus zahlreichen schwer./w. Fotografien die in unterschiedlichen Größen für Ausstellungen abgezogen wurden. Die Fotografien wurden auf einem dünnen, technischen Papier in einem Format bis zu 120 x 250 belichtet und rahmenlos aufgehängt. Das große Format, die Rahmenlosigkeit und das dünne Papier betonten die Flüchtigkeit und “Dünnhäutigkeit” der Fotografie.

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