.

.

Nah und Fern
Foto-Essay zur Jugendszene

Eine Erinnerung: Weil das Haus dort stand, wo Dorf und Feld ineinander übergingen, versperrte kein anderes meinen Blick. Es bot mir drei Möglichkeiten, den Horizont zu erweitern: Von der Küche aus konnte ich, wenn ich die Gardine des Fensters beiseite schob, einen Kilometer weit schauen. Dort verschwand eine Ansammlung von Häusern hinter Bäumen. Vom Fenster im Badezimmer, direkt über der Küche, konnte ich ungefähr fünfmal so weit bis zum nächsten Dorf sehen. Alle Dörfer in meiner Umgebung waren gleich. Vom Dachboden schließlich — er hatte auch ein Fenster — konnte ich, so behaupteten die Erwachsenen, vierzehn Kilometer weit sehen. Dort lag die nächste Stadt. So weit sehen zu können, beeindruckte mich sehr. Nicht selten jedoch verschwamm der Horizont schon nach einem halben Kilometer im Nebel.

Ein Traum: Fliegen ist gar nicht schwer. Ich breite die Arme aus, ohne Batman-Umhang, strecke die Beine nach hinten und fliege. Je nachdem, wie ich die Arme strecke oder anwinkle, steige ich hoch, oder es geht sanft nach unten. Von oben gesehen ist die Welt leicht, dünn, wie ein Filmbild. Keine Angst, abstürzen kann ich nicht.

Eine Realität: Challenger, so hat das Ding geheißen, zerplatzte weiß und rot im Blau. Übrig blieben trauernde Familien, eine trauernde Nation und bunte Bilder. Es war nicht die Realität, die mich traf, es waren die Bilder von ihr. In Raster und Zeilenpunkte zerlegt und aufgelöst in wunderschöne Farben, trafen sie auf mein Auge, gingen in meinen Kopf und verschwanden im Dunklen. Dort, so vermute ich, mutieren sie, bilden neue Bilder, tauchen manchmal Wieder auf, machen angst, erzeugen Zynismen usw. Ihr manchmal unvermutetes Auftauchen nötigt mich, ihnen nachzuforschen.

Eine Erfahrung: Einige der Bilder entdecke ich wieder im Schwarz der Fotografien aus der Jugendszene. «Schwarze Löcher» werden wichtig in meinen Bildern. Und, seltsam, ich verbinde sie mit Jugend, Jugendlichen, mit meiner Jugend. Fliegen als jugendlicher Traum, die Welt erobern zu können, als männlicher Traum von der Herrschaft über sie. Doch Fliegen funktioniert nicht, und die banale Tatsache, daß wir nur zwei Beine haben, kann erschrecken.

In meinem Kopf erscheinen die Bilder als nichtmontierte Teile einer zersplitterten Erfahrung. Erinnerung, Traum und Bild, Realität und ihr alptraumhaftes Abbild sind montiert. Ihre Reihenfolge und ihren Rahmen habe ich hier von neuem festgelegt.

Reiner Nachtwey

.

.

.

.

.

.

.

Doppelseiten aus: “EXPERIMENT ÄSTHETISCHE BILDUNG” Hg. Gerd Selle, Rowolth Taschenbuch, Hamburg 1990

Die Fotografien sind Teil eines größeren Arbeitskontextes aus den Jahren 1980 – 87.
vgl. hierzu auch auf dieser Website: “Innen im Außen”